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Wilhelm Tell

Chapter 8 of 11

Wilhelm Tell — Teil 8

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mich hinauf, Und mit gewalt’gem Fußstoß hinter mich Schleudr’ ich das Schifflein in den Schlund der Wasser -- Dort mag’s, wie Gott will, auf den Wellen treiben! So bin ich hier, gerettet aus des Sturmes Gewalt und aus der schlimmeren der Menschen. =Fischer.= Tell, Tell! ein sichtbar Wunder hat der Herr An euch gethan; kaum glaub’ ich’s meinen Sinnen. Doch, saget, wo gedenket ihr jetzt hin? Denn Sicherheit ist nicht für euch, wofern Der Landvogt lebend diesem Sturm entkommt. =Tell.= Ich hört’ ihn sagen, da ich noch im Schiff Gebunden lag, er woll’ bei Brunnen landen, Und über Schwytz nach seiner Burg mich führen. =Fischer.= Will er den Weg dahin zu Lande nehmen? =Tell.= Er denkt’s. =Fischer.= O, so verbergt euch ohne Säumen! Nicht zweimal hilft euch Gott aus seiner Hand. =Tell.= Nennt mir den nächsten Weg nach Arth und Küßnacht. =Fischer.= Die offne Straße zieht sich über Steinen; Doch einen kürzern Weg und heimlichern Kann euch mein Knabe über Lowerz führen. =Tell= (gibt ihm die Hand). Gott lohn’ euch eure Gutthat. Lebet wohl. (Geht und kehrt wieder um.) -- Habt ihr nicht auch im Rütli mitgeschworen? Mir däucht, man nannt’ euch mir -- =Fischer.= Ich war dabei Und hab’ den Eid des Bundes mit beschworen. =Tell.= So eilt nach Bürglen, thut die Lieb mir an! Mein Weib verzagt um mich; verkündet ihr, Daß ich gerettet sey und wohl geborgen. =Fischer.= Doch wohin sag’ ich ihr, daß ihr geflohn? =Tell.= Ihr werdet meinen Schwäher bei ihr finden Und Andre, die im Rütli mit geschworen -- Sie sollen wacker seyn und gutes Muths: Der Tell sey frei und seines Armes mächtig; Bald werden sie ein Weitres von mir hören. =Fischer.= Was habt ihr im Gemüth? Entdeckt mir’s frei. =Tell.= +Ist es gethan+, wird’s auch zur Rede kommen. (Geht ab.) =Fischer.= Zeig’ ihm den Weg, Jenni -- Gott steh’ ihm bei! Er führt’s zum Ziel, was er auch unternommen. (Geht ab.) Zweite Scene. +Edelhof zu Attinghausen.+ =Der Freiherr=, in einem Armsessel, sterbend. =Walther Fürst.= =Stauffacher=, =Melchthal= und =Baumgarten= um ihn beschäftigt. =Walther Tell=, kniend vor dem Sterbenden. =Walther Fürst.= Es ist vorbei mit ihm, er ist hinüber. =Stauffacher.= Er liegt nicht wie ein Todter -- Seht, die Feder Auf seinen Lippen regt sich! Ruhig ist Sein Schlaf und friedlich lächeln seine Züge. (Baumgarten geht an die Thüre und spricht mit Jemand.) =Walther Fürst= (zu Baumgarten). Wer ist’s? =Baumgarten= (kommt zurück). Es ist Frau Hedwig, eure Tochter; Sie will euch sprechen, will den Knaben sehn. (Walther Tell richtet sich auf.) =Walther Fürst.= Kann ich sie trösten? Hab’ ich selber Trost? Häuft alles Leiden sich auf meinem Haupt? =Hedwig= (hereindringend). Wo ist mein Kind? Laßt mich, ich muß es sehn -- =Stauffacher.= Faßt euch! Bedenkt, daß ihr im Haus des Todes -- =Hedwig= (stürzt auf den Knaben). Mein Wälty! O, er lebt mir! =Walther Tell= (hängt an ihr). Arme Mutter! =Hedwig.= Ist’s auch gewiß? Bist du mir unverletzt? (Betrachtet ihn mit ängstlicher Sorgfalt.) Und es ist möglich? Konnt’ er auf dich zielen? Wie konnt’ er’s? O, er hat kein Herz -- er konnte Den Pfeil abdrücken auf sein eignes Kind! =Walther Fürst.= Er that’s mit Angst, mit schmerzzerrissner Seele; Gezwungen that er’s, denn es galt das Leben. =Hedwig.= O, hätt’ er eines Vaters Herz, eh’ er’s Gethan, er wäre tausendmal gestorben! =Stauffacher.= Ihr solltet Gottes gnäd’ge Schickung preisen, Die es so gut gelenkt -- =Hedwig.= Kann ich vergessen Wie’s hätte kommen +können+? -- Gott des Himmels! Und lebt’ ich achtzig Jahr -- ich seh den Knaben ewig Gebunden stehn, den Vater auf ihn zielen, Und ewig fliegt der Pfeil mir in das Herz. =Melchthal.= Frau, wüßtet ihr, wie ihn der Vogt gereizt! =Hedwig.= O rohes Herz der Männer! Wenn ihr Stolz Beleidigt wird, dann achten sie nichts mehr; Sie setzen in der blinden Wuth des Spiels Das Haupt des Kindes und das Herz der Mutter! =Baumgarten.= Ist eures Mannes Loos nicht hart genug, Daß ihr mit schwerem Tadel ihn noch kränkt? Für +seine+ Leiden habt ihr kein Gefühl? =Hedwig= (kehrt sich nach ihm um und sieht ihn mit einem großen Blick an). Hast du nur Thränen für des Freundes Unglück? -- Wo waret ihr, da man den Trefflichen In Bande schlug? Wo war +da+ eure Hülfe? Ihr sahet zu, ihr ließt das Gräßliche geschehn; Geduldig littet ihr’s, daß man den Freund Aus eurer Mitte führte -- Hat der Tell Auch so an euch gehandelt? Stand er auch Bedauernd da, als hinter dir die Reiter Des Landvogts drangen, als der wüth’ge See Vor dir erbrauste? Nicht mit müß’gen Thränen Beklagt’ er dich, in den Nachen sprang er, Weib Und Kind vergaß er und befreite dich -- =Walther Fürst.= Was konnten wir zu seiner Rettung wagen, Die kleine Zahl, die unbewaffnet war! =Hedwig= (wirft sich an seine Brust). O Vater! Und auch du hast ihn verloren! Das Land, wir alle haben ihn verloren! Uns allen fehlt er, ach, wir fehlen ihm! Gott rette seine Seele vor Verzweiflung. Zu ihm hinab ins öde Burgverließ Dringt keines Freundes Trost -- Wenn er erkrankte! Ach, in des Kerkers feuchter Finsterniß Muß er erkranken -- Wie die Alpenrose Bleicht und verkümmert in der Sumpfesluft, So ist für ihn kein Leben als im Licht Der Sonne, in dem Balsamstrom der Lüfte. Gefangen! Er! Sein Athem ist die Freiheit; Er kann nicht leben in dem Hauch der Grüfte. =Stauffacher.= Beruhigt euch! Wir Alle wollen handeln, Um seinen Kerker aufzuthun. =Hedwig.= Was könnt +ihr+ schaffen ohne ihn? -- So lang Der Tell noch frei war, ja, da war noch Hoffnung, Da hatte noch die Unschuld einen Freund, Da hatte einen Helfer der Verfolgte, Euch Alle rettete der Tell -- Ihr Alle Zusammen könnt nicht +seine+ Fesseln lösen! (Der Freiherr erwacht.) =Baumgarten.= Er regt sich, still! =Attinghausen= (sich aufrichtend). Wo ist er? =Stauffacher.= Wer? =Attinghausen.= Er fehlt mir, Verläßt mich in dem letzten Augenblick! =Stauffacher.= Er meint den Junker -- Schickte man nach ihm? =Walther Fürst.= Es ist nach ihm gesendet -- Tröstet euch! Er hat sein Herz gefunden, er ist unser. =Attinghausen.= Hat er gesprochen für sein Vaterland? =Stauffacher.= Mit Heldenkühnheit. =Attinghausen.= Warum kommt er nicht, Um meinen letzten Segen zu empfangen? Ich fühle, daß es schleunig mit mir endet. =Stauffacher.= Nicht also, edler Herr! Der kurze Schlaf Hat euch erquickt, und hell ist euer Blick. =Attinghausen.= Der Schmerz ist Leben, er verließ mich auch. Das Leiden ist, so wie die Hoffnung, aus. (Er bemerkt den Knaben.) Wer ist der Knabe? =Walther Fürst.= Segnet ihn, o Herr! Er ist mein Enkel und ist vaterlos. (Hedwig sinkt mit dem Knaben vor dem Sterbenden nieder.) =Attinghausen.= Und vaterlos lass’ ich euch Alle, Alle Zurück -- Weh mir, daß meine letzten Blicke Den Untergang des Vaterlands gesehen! Mußt’ ich des Lebens höchstes Maß erreichen, Um ganz mit allen Hoffnungen zu sterben! =Stauffacher= (zu Walther Fürst). Soll er in diesem finstern Kummer scheiden? Erhellen wir ihm nicht die letzte Stunde Mit schönem Strahl der Hoffnung? -- Edler Freiherr! Erhebet euren Geist! Wir sind nicht ganz Verlassen, sind nicht rettungslos verloren. =Attinghausen.= Wer soll euch retten? =Walther Fürst.= Wir uns selbst. Vernehmt! Es haben die drei Lande sich das Wort Gegeben, die Tyrannen zu verjagen. Geschlossen ist der Bund; ein heil’ger Schwur Verbindet uns. Es wird gehandelt werden, Eh noch das Jahr den neuen Kreis beginnt. Euer Staub wird ruhn in einem freien Lande. =Attinghausen.= O, saget mir! Geschlossen ist der Bund? =Melchthal.= Am gleichen Tage werden alle drei Waldstätte sich erheben. Alles ist Bereit, und das Geheimniß wohlbewahrt Bis jetzt, obgleich viel Hunderte es theilen. Hohl ist der Boden unter den Tyrannen; Die Tage ihrer Herrschaft sind gezählt, Und bald ist ihre Spur nicht mehr zu finden. =Attinghausen.= Die festen Burgen aber in den Landen? =Melchthal.= Sie fallen alle an dem gleichen Tag. =Attinghausen.= Und sind die Edeln dieses Bundes theilhaftig? =Stauffacher.= Wir harren ihres Beistands, wenn es gilt; Jetzt aber hat der Landmann nur geschworen. =Attinghausen= (richtet sich langsam in die Höhe, mit großem Erstaunen). Hat sich der Landmann solcher That verwogen, Aus eignem Mittel, ohne Hülf der Edeln, Hat er der eignen Kraft so viel vertraut -- Ja, dann bedarf es unserer nicht mehr: Getröstet können wir zu Grabe steigen, Es lebt +nach+ uns -- durch andre Kräfte will Das Herrliche der Menschheit sich erhalten. (Er legt seine Hand auf das Haupt des Kindes, das vor ihm auf den Knieen liegt.) Aus diesem Haupte, wo der Apfel lag, Wird euch die neue, bessre Freiheit grünen; Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, Und neues Leben blüht aus den Ruinen. =Stauffacher= (zu Walther Fürst). Seht, welcher Glanz sich um sein Aug’ ergießt! Das ist nicht das Erlöschen der Natur, Das ist der Strahl schon eines neuen Lebens. =Attinghausen.= Der Adel steigt von seinen alten Burgen, Und schwört den Städten seinen Bürgereid; Im +Uechtland+ schon, im Thurgau hat’s begonnen, Die edle +Bern+ erhebt ihr herrschend Haupt, +Freiburg+ ist eine sichre Burg der Freien, Die rege +Zürich+ waffnet ihre Zünfte Zum kriegerischen Heer -- es bricht die Macht Der Könige sich an ihren ew’gen Wällen -- (Er spricht das Folgende mit dem Ton eines Sehers -- seine Rede steigt bis zur Begeisterung.) Die Fürsten seh’ ich und die edeln Herrn In Harnischen herangezogen kommen, Ein harmlos Volk von Hirten zu bekriegen. Auf Tod und Leben wird gekämpft, und herrlich Wird mancher Paß durch blutige Entscheidung. Der Landmann stürzt sich mit der nackten Brust, Ein freies Opfer, in die Schaar der Lanzen! Er bricht sie, und des Adels Blüthe fällt, Es hebt die Freiheit siegend ihre Fahne. (Walther Fürsts und Stauffachers Hände fassend.) Drum haltet fest zusammen -- fest und ewig -- Kein Ort der Freiheit sey dem andern fremd -- Hochwachten stellet aus auf euren Bergen, Daß sich der Bund zum Bunde rasch versammle -- Seyd einig -- einig -- einig -- (Er fällt in das Kissen zurück -- seine Hände halten entseelt noch die Andern gefaßt. Fürst und Stauffacher betrachten ihn noch eine Zeit lang schweigend, dann treten sie hinweg. Jeder seinem Schmerz überlassen. Unterdessen sind die Knechte still hereingedrungen, sie nähern sich mit Zeichen eines stillern oder heftigeren Schmerzens, einige knien bei ihm nieder und weinen auf seine Hand; während dieser stummen Scene wird die Burgglocke geläutet.) =Rudenz= zu den =Vorigen=. =Rudenz= (rasch eintretend). Lebt er? O, saget, kann er mich noch hören? =Walther Fürst= (deutet hin mit weggewandtem Gesicht). +Ihr+ seyd jetzt unser Lehensherr und Schirmer, Und dieses Schloß hat einen andern Namen. =Rudenz= (erblickt den Leichnam und steht von heftigem Schmerz ergriffen). O güt’ger Gott! Kommt meine Reu zu spät? Konnt’ er nicht wen’ge Pulse länger leben, Um mein geändert Herz zu sehn? Verachtet hab’ ich seine treue Stimme, Da er noch wandelte im Licht -- er ist Dahin, ist fort auf immerdar und läßt mir Die schwere, unbezahlte Schuld! -- O, saget! Schied er dahin im Unmuth gegen mich? =Stauffacher.= Er hörte sterbend noch, was ihr gethan. Und segnete den Muth, mit dem ihr spracht! =Rudenz= (kniet an dem Todten nieder). Ja, heil’ge Reste eines theuren Mannes! Entseelter Leichnam! hier gelob’ ich dir’s In deine kalte Todtenhand -- zerrissen Hab’ ich auf ewig alle fremden Bande; Zurückgegeben bin ich meinem Volk; Ein Schweizer bin ich, und ich will es seyn Von ganzer Seele -- -- (Aufstehend.) Trauert um den Freund, Den Vater Aller, doch verzaget nicht! Nicht bloß sein Erbe ist mir zugefallen, Es steigt sein Herz, sein Geist auf mich herab, Und leisten soll euch meine frische Jugend, Was euch sein greises Alter schuldig blieb. -- Ehrwürd’ger Vater, gebt mir eure Hand! Gebt mir die eurige! Melchthal, auch ihr! Bedenkt euch nicht! O, wendet euch nicht weg! Empfanget meinen Schwur und mein Gelübde. =Walther Fürst.= Gebt ihm die Hand. Sein wiederkehrend Herz Verdient Vertraun. =Melchthal.= Ihr habt den Landmann nichts geachtet. Sprecht, wessen soll man sich zu euch versehn? =Rudenz.= O, denket nicht des Irrthums meiner Jugend! =Stauffacher= (zu Melchthal). Seyd einig, war das letzte Wort des Vaters. Gedenket dessen! =Melchthal.= Hier ist meine Hand! Des Bauern Handschlag, edler Herr, ist auch Ein Manneswort! Was ist der Ritter ohne +uns+? Und unser Stand ist älter, als der eure. =Rudenz.= Ich ehr’ ihn, und mein Schwert soll ihn beschützen. =Melchthal.= +Der+ Arm, Herr Freiherr, der die harte Erde Sich unterwirft und ihren Schooß befruchtet, Kann auch des Mannes Brust beschützen. =Rudenz.= Ihr Sollt +meine+ Brust, ich will die +eure+ schützen, So sind wir Einer durch den Andern stark. -- Doch wozu reden, da das Vaterland Ein Raub noch ist der fremden Tyrannei? Wenn erst der Boden rein ist von dem Feind, Dann wollen wir’s in Frieden schon vergleichen. (Nachdem er einen Augenblick inne gehalten.) Ihr schweigt? Ihr habt mir nichts zu sagen? Wie? Verdien’ ich’s noch nicht, daß ihr mir vertraut? So muß ich wider euren Willen mich In das Geheimniß eures Bundes drängen. -- Ihr habt getagt -- geschworen auf dem Rütli -- Ich weiß -- weiß Alles, was ihr dort verhandelt, Und, was mir nicht von euch vertrauet ward, Ich hab’s bewahrt gleichwie ein heilig Pfand. Nie war ich meines Landes Feind, glaubt mir, Und niemals hätt’ ich gegen euch gehandelt. -- Doch übel thatet ihr, es zu verschieben, Die Stunde dringt, und rascher That bedarf’s -- Der Tell war schon das Opfer eures Säumens -- =Stauffacher.= Das Christfest abzuwarten schwuren wir. =Rudenz.= Ich war nicht dort, ich hab’ nicht mitgeschworen. Wartet ihr ab, ich handle. =Melchthal.= Was? Ihr wolltet -- =Rudenz.= Des Landes Vätern zähl’ ich mich jetzt bei, Und meine erste Pflicht ist, euch zu schützen. =Walther Fürst.= Der Erde diesen theuren Staub zu geben, Ist eure nächste Pflicht und heiligste. =Rudenz.= Wenn wir das Land befreit, dann legen wir Den frischen Kranz des Siegs ihm auf die Bahre. O Freunde! eure Sache nicht allein, Ich habe meine eigne auszufechten Mit dem Tyrannen -- Hört und wißt! Verschwunden Ist meine Bertha, heimlich weggeraubt, Mit kecker Frevelthat, aus unsrer Mitte! =Stauffacher.= Solcher Gewaltthat hätte der Tyrann Wider die freie Edle sich verwogen? =Rudenz.= O meine Freunde! euch versprach ich Hülfe, Und ich zuerst muß sie von euch erflehn. Geraubt, entrissen ist mir die Geliebte. Wer weiß, wo sie der Wüthende verbirgt, Welcher Gewalt sie frevelnd sich erkühnen, Ihr Herz zu zwingen zum verhaßten Band! Verlaßt mich nicht, o, helft mir sie erretten -- Sie liebt euch! o, sie hat’s verdient ums Land, Daß alle Arme sich für sie bewaffnen -- =Walther Fürst.= Was wollt ihr unternehmen? =Rudenz.= Weiß ich’s? Ach In dieser Nacht, die ihr Geschick umhüllt, In dieses Zweifels ungeheurer Angst, Wo ich nichts Festes zu erfassen weiß, Ist mir nur dieses in der Seele klar: Unter den Trümmern der Tyrannenmacht Allein kann sie hervorgegraben werden; Die Vesten alle müssen wir bezwingen, Ob wir vielleicht in ihren Kerker dringen. =Melchthal.= Kommt, führt uns an! Wir folgen euch. Warum Bis morgen sparen, was wir heut vermögen? Frei war der Tell, als wir im Rütli schwuren, Das Ungeheure war noch nicht geschehen. Es bringt die Zeit ein anderes Gesetz; Wer ist so feig, der jetzt noch könnte zagen! =Rudenz= (zu Stauffacher und Walther Fürst). Indeß bewaffnet und zum Werk bereit, Erwartet ihr der Berge Feuerzeichen; Denn, schneller als ein Botensegel fliegt, Soll euch die Botschaft unsers Siegs erreichen, Und, seht ihr leuchten die willkommnen Flammen, Dann auf die Feinde stürzt, wie Wetters Strahl, Und brecht den Bau der Tyrannei zusammen. (Gehen ab.) Dritte Scene. +Die hohle Gasse bei Küßnacht.+ Man steigt von hinten zwischen Felsen herunter, und die Wanderer werden, ehe sie auf der Scene erscheinen, schon von der Höhe gesehen. Felsen umschließen die ganze Scene; auf einem der vordersten ist ein Vorsprung mit Gesträuch bewachsen. =Tell= (tritt auf mit der Armbrust). Durch diese hohle Gasse muß er kommen; Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht -- Hier Vollend’ ich’s -- Die Gelegenheit ist günstig. Dort der Hollunderstrauch verbirgt mich ihm; Von dort herab kann ihn mein Pfeil erlangen; Des Weges Enge wehret den Verfolgern. Mach deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt! Fort mußt du, deine Uhr ist abgelaufen. Ich lebte still und harmlos -- das Geschoß War auf des Waldes Thiere nur gerichtet, Meine Gedanken waren rein von Mord -- +Du+ hast aus meinem Frieden mich heraus Geschreckt; in gährend Drachengift hast du Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt; Zum Ungeheuren hast du mich gewöhnt -- Wer sich des Kindes Haupt zum Ziele setzte, Der kann auch treffen in das Herz des Feinds. Die armen Kindlein, die unschuldigen, Das treue Weib muß ich vor deiner Wuth Beschützen, Landvogt! -- Da, als ich den Bogenstrang Anzog -- als mir die Hand erzitterte -- Als du mit grausam teufelischer Lust Mich zwangst, aufs Haupt des Kindes anzulegen -- Als ich ohnmächtig flehend rang vor dir, Damals gelobt’ ich mir in meinem Innern Mit furchtbarm Eidschwur, den nur Gott gehört, Daß meines +nächsten+ Schusses +erstes+ Ziel Dein Herz seyn sollte -- Was ich mir gelobt In jenes Augenblickes Höllenqualen, Ist eine