Chapter 2 of 11
Wilhelm Tell — Teil 2
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du in Uri keinen Gastfreund, sprich, Dem du dein Herz magst redlich offenbaren? =Stauffacher.= Der wackern Männer kenn’ ich viele dort Und angesehen große Herrenleute, Die mir geheim sind und gar wohl vertraut. (Er steht auf.) Frau, welchen Sturm gefährlicher Gedanken Weckst du mir in der stillen Brust! Mein Innerstes Kehrst du ans Licht des Tages mir entgegen, Und, was ich mir zu denken still verbot, Du sprichst’s mit leichter Zunge kecklich aus. -- Hast du auch wohl bedacht, was du mir räthst? Die wilde Zwietracht und den Klang der Waffen Rufst du in dieses friedgewohnte Thal -- Wir wagten es, ein schwaches Volk der Hirten, In Kampf zu gehen mit dem Herrn der Welt? Der gute Schein nur ist’s, worauf sie warten, Um loszulassen auf dies arme Land Die wilden Horden ihrer Kriegesmacht, Darin zu schalten mit des Siegers Rechten, Und unterm Schein gerechter Züchtigung Die alten Freiheitsbriefe zu vertilgen. =Gertrud.= Ihr seyd +auch+ Männer, wisset eure Axt Zu führen, und dem Muthigen hilft Gott! =Stauffacher.= O Weib! ein furchtbar wüthend Schreckniß ist Der Krieg; die Heerde schlägt er und den Hirten. =Gertrud.= Ertragen muß man, was der Himmel sendet; Unbilliges erträgt kein edles Herz. =Stauffacher.= Dies Haus erfreut dich, das wir neu erbauten. Der Krieg, der ungeheure, brennt es nieder. =Gertrud.= Wüßt’ ich mein Herz an zeitlich Gut gefesselt, Den Brand wärf’ ich hinein mit eigner Hand. =Stauffacher.= Du glaubst an Menschlichkeit! Es schont der Krieg Auch nicht das zarte Kindlein in der Wiege. =Gertrud.= Die Unschuld hat im Himmel einen Freund! -- Sieh vorwärts, Werner, und nicht hinter dich! =Stauffacher.= Wir Männer können tapfer fechtend sterben: Welch Schicksal aber wird das eure seyn? =Gertrud.= Die letzte Wahl steht auch dem Schwächsten offen: Ein Sprung von dieser Brücke macht mich frei. =Stauffacher= (stürzt in ihre Arme). Wer solch ein Herz an seinen Busen drückt, Der kann für Herd und Hof mit Freuden fechten, Und keines Königs Heermacht fürchtet er -- Nach Uri fahr’ ich stehndes Fußes gleich. Dort lebt ein Gastfreund mir, Herr Walther Fürst, Der über diese Zeiten denkt, wie ich. Auch find’ ich dort den edeln Bannerherrn Von Attinghaus -- obgleich von hohem Stamm, Liebt er das Volk und ehrt die alten Sitten. Mit ihnen Beiden pfleg’ ich Raths, wie man Der Landesfeinde muthig sich erwehrt -- Leb wohl -- und, weil ich fern bin, führe du Mit klugem Sinn das Regiment des Hauses -- Dem Pilger, der zum Gotteshause wallt, Dem frommen Mönch, der für sein Kloster sammelt, Gib reichlich und entlaß ihn wohlgepflegt. Stauffachers Haus verbirgt sich nicht. Zu äußerst Am offnen Heerweg steht’s, ein wirthlich Dach Für alle Wandrer, die des Weges fahren. Indem sie nach dem Hintergrunde abgehen, tritt =Wilhelm Tell= mit Baumgarten vorn auf die Scene. =Tell= (zu Baumgarten). Ihr habt jetzt meiner weiter nicht vonnöthen. Zu jenem Hause gehet ein, dort wohnt Der Stauffacher, ein Vater der Bedrängten. -- Doch sieh, da ist er selber. -- Folgt mir, kommt! (Gehen auf ihn zu; die Scene verwandelt sich.) Dritte Scene. +Oeffentlicher Platz bei Altorf.+ Auf einer Anhöhe im Hintergrunde sieht man eine Veste bauen, welche schon so weit gediehen, daß sich die Form des Ganzen darstellt. Die hintere Seite ist fertig, an der vordern wird eben gebaut, das Gerüste steht noch, an welchem die Werkleute auf und nieder steigen; auf dem höchsten Dach hängt der Schieferdecker -- Alles ist in Bewegung und Arbeit. =Frohnvogt.= =Meister Steinmetz.= =Gesellen= und =Handlanger=. =Frohnvogt= (mit dem Stabe, treibt die Arbeiter). Nicht lang gefeiert, frisch! Die Mauersteine Herbei! den Kalk, den Mörtel zugefahren, Wenn der Herr Landvogt kommt, daß er das Werk Gewachsen sieht! -- Das schlendert wie die Schnecken! (Zu zwei Handlangern, welche tragen.) Heißt das geladen? Gleich das Doppelte! Wie die Tagdiebe ihre Pflicht bestehlen! =Erster Gesell.= Das ist doch hart, daß wir die Steine selbst Zu unserm Twing und Kerker sollen fahren! =Frohnvogt.= Was murret ihr? Das ist ein schlechtes Volk, Zu nichts anstellig als das Vieh zu melken Und faul herum zu schlendern auf den Bergen. =Alter Mann= (ruht aus). Ich kann nicht mehr. =Frohnvogt= (schüttelt ihn). Frisch, Alter, an die Arbeit! =Erster Gesell.= Habt ihr denn gar kein Eingeweid, daß ihr Den Greis, der kaum sich selber schleppen kann, Zum harten Frohndienst treibt? =Meister Steinmetz= und =Gesellen=. ’s ist himmelschreiend! =Frohnvogt.= Sorgt ihr für euch; ich thu’, was meines Amts. =Zweiter Gesell.= Frohnvogt, wie wird die Feste denn sich nennen, Die wir da baun? =Frohnvogt.= +Zwing Uri+ soll sie heißen; Denn unter dieses Joch wird man euch beugen. =Gesellen.= Zwing Uri! =Frohnvogt.= Nun, was gibt’s dabei zu lachen? =Zweiter Gesell.= Mit diesem Häuslein wollt ihr Uri zwingen? =Erster Gesell.= Laß sehn, wie viel man solcher Maulwurfshaufen Muß über ’nander setzen, bis ein Berg Draus wird, wie der geringste nur in Uri! (Frohnvogt geht nach dem Hintergrund.) =Meister Steinmetz.= Den Hammer werf’ ich in den tiefsten See, Der mir gedient bei diesem Fluchgebäude! =Tell= und =Stauffacher= kommen. =Stauffacher.= O, hätt’ ich nie gelebt, um das zu schauen! =Tell.= Hier ist nicht gut seyn. Laßt uns weiter gehn. =Stauffacher.= Bin ich zu Uri, in der Freiheit Land? =Meister Steinmetz.= O Herr, wenn ihr die Keller erst gesehn Unter den Thürmen! Ja, wer +die+ bewohnt, Der wird den Hahn nicht fürder krähen hören. =Stauffacher.= O Gott! =Steinmetz.= Seht diese Flanken, diese Strebepfeiler, Die stehn, wie für die Ewigkeit gebaut! =Tell.= Was Hände bauten, können Hände stürzen, (Nach den Bergen zeigend.) Das Haus der Freiheit hat uns Gott gegründet. Man hört eine Trommel, es kommen Leute, die einen Hut auf einer Stange tragen, ein =Ausrufer= folgt ihnen, Weiber und Kinder dringen tumultuarisch nach. =Erster Gesell.= Was will die Trommel? Gebet Acht! =Meister Steinmetz.= Was für Ein Faßnachtsaufzug, und was soll der Hut? =Ausrufer.= In des Kaisers Namen! Höret! =Gesellen.= Still doch! Höret! =Ausrufer.= Ihr sehet diesen Hut, Männer von Uri! Aufrichten wird man ihn auf hoher Säule, Mitten in Altorf, an dem höchsten Ort, Und dieses ist des Landvogts Will’ und Meinung: Dem Hut soll gleiche Ehre, wie ihm selbst, geschehn. Man soll ihn mit gebognem Knie und mit Entblößtem Haupt verehren -- Daran will Der König die Gehorsamen erkennen. Verfallen ist mit seinem Leib und Gut Dem Könige, wer das Gebot verachtet. (Das Volk lacht laut auf, die Trommel wird gerührt, sie gehen vorüber.) =Erster Gesell.= Welch neues Unerhörtes hat der Vogt Sich ausgesonnen! Wir ’nen Hut verehren! Sagt! Hat man je vernommen von dergleichen? =Meister Steinmetz.= Wir unsre Kniee beugen einem Hut? Treibt er sein Spiel mit ernsthaft würd’gen Leuten? =Erster Gesell.= Wär’s noch die kaiserliche Kron’! So ist’s Der Hut von Oesterreich; ich sah ihn hangen Ueber dem Thron, wo man die Lehen gibt! =Meister Steinmetz.= Der Hut von Oesterreich! Gebt Acht, es ist Ein Fallstrick, uns an Oestreich zu verrathen! =Gesellen.= Kein Ehrenmann wird sich der Schmach bequemen! =Meister Steinmetz.= Kommt, laßt uns mit den Andern Abred nehmen. (Sie gehen nach der Tiefe.) =Tell= (zum Stauffacher). Ihr wisset nun Bescheid. Lebt wohl, Herr Werner! =Stauffacher.= Wo wollt ihr hin? O eilt nicht so von dannen. =Tell.= Mein Haus entbehrt des Vaters. Lebet wohl. =Stauffacher.= Mir ist das Herz so voll, mit euch zu reden. =Tell.= Das schwere Herz wird nicht durch Worte leicht. =Stauffacher.= Doch könnten Worte uns zu Thaten führen. =Tell.= Die einz’ge That ist jetzt Geduld und Schweigen. =Stauffacher.= Soll man ertragen, was unleidlich ist? =Tell.= Die schnellen Herrscher sind’s, die kurz regieren. -- Wenn sich der Föhn erhebt aus seinen Schlünden, Löscht man die Feuer aus, die Schiffe suchen Eilends den Hafen, und der mächt’ge Geist Geht ohne Schaden spurlos über die Erde. Ein Jeder lebe still bei sich daheim; Dem Friedlichen gewährt man gern den Frieden. =Stauffacher.= Meint ihr? =Tell.= Die Schlange sticht nicht ungereizt. Sie werden endlich doch von selbst ermüden, Wenn sie die Lande ruhig bleiben sehn. =Stauffacher.= Wir könnten viel, wenn wir zusammen ständen. =Tell.= Beim Schiffbruch hilft der Einzelne sich leichter. =Stauffacher.= So kalt verlaßt ihr die gemeine Sache? =Tell.= Ein Jeder zählt nur sicher auf sich selbst. =Stauffacher.= Verbunden werden auch die Schwachen mächtig. =Tell.= Der Starke ist am mächtigsten +allein+. =Stauffacher.= So kann das Vaterland auf euch nicht zählen, Wenn es verzweiflungsvoll zur Nothwehr greift? =Tell= (gibt ihm die Hand). Der Tell holt ein verlornes Lamm vom Abgrund Und sollte seinen Freunden sich entziehen? Doch, +was+ ihr thut, laßt mich aus eurem +Rath+! Ich kann nicht lange prüfen oder wählen; Bedürft ihr meiner zu bestimmter +That+, Dann ruft den Tell, es soll an mir nicht fehlen. (Gehen ab zu verschiedenen Seiten. Ein plötzlicher Auflauf entsteht um das Gerüste.) =Meister Steinmetz= (eilt hin). Was gibt’s? =Erster Gesell= (kommt vor, rufend). Der Schieferdecker ist vom Dach gestürzt. =Bertha= stürzt herein. =Gefolge.= =Bertha.= Ist er zerschmettert? Rennet, rettet, helft -- Wenn Hülfe möglich ist, rettet, hier ist Gold -- (Wirft ihr Geschmeide unter das Volk.) =Meister.= Mit euerm Gold -- Alles ist euch feil Um Gold: wenn ihr den Vater von den Kindern Gerissen und den Mann von seinem Weibe, Und Jammer habt gebracht über die Welt, Denkt ihr’s mit Golde zu vergüten -- Geht! Wir waren frohe Menschen, eh’ ihr kamt; Mit euch ist die Verzweiflung eingezogen. =Bertha= (zu dem Frohnvogt, der zurückkommt). Lebt er? (Frohnvogt gibt ein Zeichen des Gegentheils.) O unglücksel’ges Schloß, mit Flüchen Erbaut, und Flüche werden dich bewohnen! (Geht ab.) Vierte Scene. +Walther Fürsts Wohnung.+ =Walther Fürst= und =Arnold vom Melchthal= treten zugleich ein von verschiedenen Seiten. =Melchthal.= Herr Walther Fürst -- =Walther Fürst.= Wenn man uns überraschte! Bleibt, wo ihr seyd. Wir sind umringt von Spähern. =Melchthal.= Bringt ihr mir nichts von Unterwalden? nichts Von meinem Vater? Nicht ertrag’ ich’s länger, Als ein Gefangner müßig hier zu liegen. Was hab’ ich denn so Sträfliches gethan, Um mich gleich einem Mörder zu verbergen? Dem frechen Buben, der die Ochsen mir, Das trefflichste Gespann, vor meinen Augen Weg wollte treiben auf des Vogts Geheiß, Hab’ ich den Finger mit dem Stab gebrochen. =Walther Fürst.= Ihr seyd zu rasch. Der Bube war des Vogts; Von eurer Obrigkeit war er gesendet. Ihr wart in Straf’ gefallen, mußtet euch, Wie schwer sie war, der Buße schweigend fügen. =Melchthal.= Ertragen sollt’ ich die leichtfert’ge Rede Des Unverschämten: „Wenn der Bauer Brod Wollt’ essen, mög’ er selbst am Pfluge ziehn!“ In die Seele schnitt mir’s, als der Bub die Ochsen, Die schönen Thiere, von dem Pfluge spannte; Dumpf brüllten sie, als hätten sie Gefühl Der Ungebühr, und stießen mit den Hörnern: Da übernahm mich der gerechte Zorn, Und, meiner selbst nicht Herr, schlug ich den Boten. =Walther Fürst.= O, kaum bezwingen wir das eigne Herz; Wie soll die rasche Jugend sich bezähmen! =Melchthal.= Mich jammert nur der Vater -- Er bedarf So sehr der Pflege, und sein Sohn ist fern. Der Vogt ist ihm gehässig, weil er stets Für Recht und Freiheit redlich hat gestritten. Drum werden sie den alten Mann bedrängen, Und Niemand ist, der ihn vor Unglimpf schütze. -- Werde mit mir, was will, ich muß hinüber. =Walther Fürst.= Erwartet nur und faßt euch in Geduld, Bis Nachricht uns herüber kommt vom Walde. -- Ich höre klopfen, geht -- Vielleicht ein Bote Vom Landvogt -- Geht hinein -- Ihr seyd in Uri Nicht sicher vor des Landenbergers Arm, Denn die Tyrannen reichen sich die Hände. =Melchthal.= Sie lehren uns, was wir thun sollten. =Walther Fürst.= Geht! Ich ruf’ euch wieder, wenn’s hier sicher ist. (Melchthal geht hinein.) Der Unglückselige, ich darf ihm nicht Gestehen, was mir Böses schwant -- Wer klopft? So oft die Thüre rauscht, erwart’ ich Unglück. Verrath und Argwohn lauscht in allen Ecken; Bis in das Innerste der Häuser dringen Die Boten der Gewalt; bald thät’ es Noth, Wir hätten Schloß und Riegel an den Thüren. Er öffnet und tritt erstaunt zurück, da =Werner Stauffacher= hereintritt. Was seh’ ich? Ihr, Herr Werner! Nun, bei Gott! Ein werther, theurer Gast -- kein bessrer Mann Ist über diese Schwelle noch gegangen. Seyd hoch willkommen unter meinem Dach! Was führt euch her? Was sucht ihr hier in Uri? =Stauffacher= (ihm die Hand reichend). Die alten Zeiten und die alte Schweiz. =Walther Fürst.= Die bringt ihr mit euch -- Sieh, mir wird so wohl, Warm geht das Herz mir auf bei euerm Anblick. -- Setzt euch, Herr Werner -- Wie verließet ihr Frau Gertrud, eure angenehme Wirthin, Des weisen Ibergs hochverständ’ge Tochter? Von allen Wandrern aus dem deutschen Land, Die über Meinrads Zell nach Wälschland fahren, Rühmt jeder euer gastlich Haus -- Doch, sagt, Kommt ihr so eben frisch von Fluelen her, Und habt euch nirgend sonst noch umgesehen, Eh’ ihr den Fuß gesetzt auf diese Schwelle? =Stauffacher= (setzt sich). Wohl ein erstaunlich neues Werk hab’ ich Bereiten sehen, das mich nicht erfreute. =Walther Fürst.= O Freund! da habt ihr’s gleich mit +einem+ Blicke! =Stauffacher.= Ein solches ist in Uri nie gewesen -- Seit Menschendenken war kein Twinghof hier, Und fest war keine Wohnung, als das Grab. =Walther Fürst.= Ein Grab der Freiheit ist’s! Ihr nennt’s mit Namen. =Stauffacher.= Herr Walther Fürst, ich will euch nicht verhalten, Nicht eine müß’ge Neugier führt mich her; Mich drücken schwere Sorgen -- Drangsal hab’ ich Zu Haus verlassen, Drangsal find’ ich hier. Denn ganz unleidlich ist’s, was wir erdulden, Und dieses Dranges ist kein Ziel zu sehn. Frei war der Schweizer von Uralters her, Wir sind’s gewohnt, daß man uns gut begegnet. Ein Solches war im Lande nie erlebt, So lang ein Hirte trieb auf diesen Bergen. =Walther Fürst.= Ja, es ist ohne Beispiel, wie sie’s treiben! Auch unser edler Herr von Attinghausen, Der noch die alten Zeiten hat gesehn, Meint selber, es sey nicht mehr zu ertragen. =Stauffacher.= Auch drüben unterm Wald geht Schweres vor Und blutig wird’s gebüßt -- Der Wolfenschießen, Des Kaisers Vogt, der auf dem Roßberg hauste, Gelüsten trug er nach verbotner Frucht; Baumgartens Weib, der haushält zu Alzellen, Wollt’ er zu frecher Ungebühr mißbrauchen, Und mit der Axt hat ihn der Mann erschlagen. =Walther Fürst.= O, die Gerichte Gottes sind gerecht! -- Baumgarten, sagt ihr? ein bescheidner Mann! Er ist gerettet doch und wohl geborgen? =Stauffacher.= Euer Eidam hat ihn übern See geflüchtet; Bei mir zu Steinen halt’ ich ihn verborgen -- -- Noch Gräulichers hat mir derselbe Mann Berichtet, was zu Sarnen ist geschehn. Das Herz muß jedem Biedermanne bluten. =Walther Fürst= (aufmerksam). Sagt an, was ist’s? =Stauffacher.= Im +Melchthal+, da, wo man Eintritt bei +Kerns+, wohnt ein gerechter Mann, Sie nennen ihn den +Heinrich+ von der +Halden+, Und seine Stimm’ gilt was in der Gemeinde. =Walther Fürst.= Wer kennt ihn nicht? Was ist’s mit ihm? Vollendet! =Stauffacher.= Der Landenberger büßte seinen Sohn Um kleinen Fehlers willen, ließ die Ochsen, Das beste Paar, ihm aus dem Pfluge spannen: Da schlug der Knab den Knecht und wurde flüchtig. =Walther Fürst= (in höchster Spannung). Der Vater aber -- sagt, wie steht’s um den? =Stauffacher.= Den Vater läßt der Landenberger fordern, Zur Stelle schaffen soll er ihm den Sohn, Und, da der alte Mann mit Wahrheit schwört, Er habe von dem Flüchtling keine Kunde, Da läßt der Vogt die Folterknechte kommen -- =Walther Fürst= (springt auf und will ihn auf die andere Seite führen). O, still, nichts mehr! =Stauffacher= (mit steigendem Ton). „Ist mir der Sohn entgangen, So hab’ ich dich!“ -- läßt ihn zu Boden werfen, Den spitz’gen Stahl ihm in die Augen bohren -- =Walther Fürst.= Barmherz’ger Himmel! =Melchthal= (stürzt heraus). In die Augen, sagt ihr? =Stauffacher= (erstaunt zu Walther Fürst). Wer ist der Jüngling? =Melchthal= (faßt ihn mit krampfhafter Heftigkeit). In die Augen? Redet! =Walther Fürst.= O der Bejammernswürdige! =Stauffacher.= Wer ist’s? (Da Walther Fürst ihm ein Zeichen gibt.) Der Sohn ist’s? Allgerechter Gott! =Melchthal.= Und ich Muß ferne seyn! -- In seine beiden Augen? =Walther Fürst.= Bezwinget euch! Ertragt es wie ein Mann! =Melchthal.= Um +meiner+ Schuld, um +meines+ Frevels willen! -- Blind also! Wirklich +blind+ und +ganz+ geblendet? =Stauffacher.= Ich sagt’s. Der Quell des Sehns ist ausgeflossen, Das Licht der Sonne schaut er niemals wieder. =Walther Fürst.= Schont seines Schmerzens! =Melchthal.= Niemals! niemals wieder! (Er drückt die Hand vor die Augen und schweigt einige Momente; dann wendet er sich von dem Einen zu dem Andern und spricht mit sanfter, von Thränen erstickter Stimme.) O, eine edle Himmelsgabe ist Das Licht des Auges -- Alle Wesen leben Vom Lichte, jedes glückliche Geschöpf -- Die Pflanze selbst kehrt freudig sich zum Lichte. Und er muß sitzen, fühlend, in der Nacht, Im ewig Finstern -- ihn erquickt nicht mehr Der Matten warmes Grün, der Blumen Schmelz, Die rothen Firnen kann er nicht mehr schauen -- Sterben ist nichts -- doch +leben+ und nicht +sehen+, Das ist ein Unglück -- Warum seht ihr mich So jammernd an? Ich hab’ zwei frische Augen Und kann dem blinden Vater keines geben, Nicht einen Schimmer von dem Meer des Lichts, Das glanzvoll, blendend mir ins Auge dringt. =Stauffacher.= Ach, ich muß euren Jammer noch vergrößern, Statt ihn zu heilen -- Er bedarf noch mehr! Denn Alles